Form follows Function mit dem Blick des Buchbinders

Form follows function ist eine Gestaltungsgrundlage, die aus der Architektur stammt – doch in der Buchbinderei hat sie auch ihre Berechtigung.

  In der Buchbinderei gibt es zwei große Gestaltungsfelder unabhängig von der Art eines Buchbinde-Projekts: Die äußere Gestalt, das Aussehen deines Buches oder deiner Schachtel zum einen und die Auswahl der Techniken, mit denen du dein Projekt möglichst gut umsetzen kannst. 

 

Was ist Funktion an einem Buch? 

Die Funktion umfasst alles was dazu führt, dass ein Buch in seinem speziellen Einsatzfeld gut funktioniert und beim Gebrauch keinen Schaden nimmt. Das umfasst die Wahl der Techniken, mit denen ein Buch gebunden wird; die Auswahl der Materialien kann ebenso wichtig sein. 

Ein Beispiel für die großen Einfluss der Funktion habe ich bei einem Auftrag erlebt. Eine Kundin kam mit Omas altem Kochbuch zu mir und wünschte sich die Rezepte aus diesem Buch für ihre Kinder kochen zu können - nur war das Buch ein Wrack. Der Vorderdeckel war abgerissen, der Rücken hing nur noch am seidenen Faden und die Heftung klaffte zwischen den Fetzen des Einbands hervor, weil sich Hinterklebung und Leimung ins Nirwana verabschiedet hatten.  Die Einschätzung der Kundin war richtig: damit kochen, würde das Buch innerhalb kürzester Zeit ganz zerstören. 

Um der Kundin ihren Wunsch zu erfüllen, müsste ich das Buch von Grund auf wieder aufbauen. Der Vorteil dabei war, dass ich nur noch einen fadengehefteten Buchblock hatte. Alles andere war so wie so schon hinüber. Deswegen erarbeitete ich zusammen mit der Kundin das zukünftige Umfeld des Buches: In der Küche, beständig Dämpfen ausgesetzt und, wenn mit ihm gearbeitet wird, besteht die Gefahr, dass das Buch in einer Pfütze oder Teig auf der Arbeitsplatte zu liegen kommt. Für ein Buch ein hartes Dasein. 

Gleichzeitig soll ein Kochbuch offen liegenbleiben, damit man beim Kochen nicht ständig, die Seiten berühren muss, um sie runter zu drücken. 

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Der kundige Buchbinder schießt bei dem letzten Punkt eine Heftung mit offenem Rücken, wie eine koptische Heftung, durch den Kopf. Doch wenn sie die anderen Umstände bedenkt, merkt sie dass eine solche Bindung keine Option ist, auch wenn sie dem Kunden gefallen sollte. Die Feuchtigkeit würde über den offenen Rücken ins Papier eindringen, die Lage am Falz aufweichen. Die Seiten reißen unweigerlich hinaus und das Papier wird fleckig. Der Buchrücken muss also geschlossen sein und die Fadenheftung an sich darf unbedingt bleiben - die ist stabiler und liegt flacher als eine Klebebindung oder eine Bindung mit Buchschrauben. Lagen, die schon angegriffen waren, habe ich mit einem speziellen Klebeband repariert und wieder widerstandsfähig gemacht. 

Wenn der Buchbinder diesen Gedanken weiterführt, fallen einige weitere Techniken raus: ein Halbband liefert am Übergang von beiden Materialien eine Angriffsstelle, die sich unter dem Einfluss von Feuchtigkeit ablösen kann. Also bleibt ein Ganzband mit Fadenheftung übrig. Als Einbandmaterial einigten wir uns auf ein geschlossenes Einbandgewebe, sogenanntes Bibliotheksleinen. Dieses Gewebe ist wasserabweisend und mit einem feuchten Lappen abwischbar. So bleibt kein Schmutz am Einband haften und das Buch sieht immer wieder wie frisch gebunden beziehungsweise repariert aus. 

Wie du vielleicht bemerkt hast, stand bei diesem Fall die Funktion des Buches klar im Vordergrund, damit es den Bedingungen unter denen es genutzt wird, Stand halten kann und nicht innerhalb kürzester Zeit wieder zum Notfall wird. 

Das sind die Gedankengänge, die ein Buchbinder vor dem Binden durchgeht, um ein Buch zu planen. Die Wahl der richtigen Technik sind wichtig, da wir schließlich ein langlebiges, widerstandsfähiges Buch erschaffen wollen. Ich empfehle dir, es ebenso zu halten und dir dein Projekt in seinen alltäglichen und extremen Situationen vorzustellen. 

Jedoch bringt alle technische Raffinesse nichts, wenn das Buch (oder die Schachtel) dir nicht gefällt und du keine Beziehung zum Buch aufbaust.   

Die Schönheit der Form

Die äußere Form ist das Offensichtliche. Farbe, Dekor und Größe des Buches kommen einem Buchbinder als Erstes in den Sinn, wenn sie sich an ein Buchbinde-Projekt macht. Manchmal entsteht die Idee für das Buch im Laden, wenn du ein Material gefunden hast, das ich gerne verarbeiten möchte. In perfekter Kombination fügen sich die Materialien zusammen und am Ende habe ich ein wunderschönes Buch geschaffen. 

Hier für dienen die Notizbücher als Beispiel, die ich seit Beginn des zweiten Corona-Jahres als Pappbände mit achtzig, fadengehefteten Seiten binde. Ein Pappband ist ein Einband, der gänzlich mit Papier überzogen wird. Für die Vorsätze verwende ich das gleiche Papier wie für den Einband - Ton in Ton und Muster in Muster sozusagen. 

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Beim Kapital suche ich ein farblich passendes Bändchen aus oder mache ein Lederkapital aus dem gleichen Papier; damit ist es Ton in Ton in Ton und du weißt schon. 

Um den Gedanken zu Ende zu führen, wähle ich auch noch eine zum Papier passende Tinte aus und fülle sie für diesen Monat in den Konverter meines Füllers, um das Buch mit der Schrift in schöner Farbe zu führen.

Ich liebe diese Bücher und beschreibe sie gerne. Tatsächlich wird mir ein Buch schnell über, wenn es zu dick ist. Die äußere Gestalt langweilt mich und in der Aufregung Neues auszuprobieren, freue ich mich schon auf das nächste Notizbuch. Die Dicke oder eher Dünne meiner Notizbücher haben sich bewährt ebenso wie die Tatsache, dass die Buntpapiere für Abwechslung sorgen. 

Das Diktat des Möglichen schlägt Form follows Function

Einschränkungen bei Funktion und Form entstehen in den meisten Fällen durch die Kenntnisse des Buchbinders. Wenn dir eine Technik nicht geläufig ist oder du nicht riskieren möchtest ein bestimmtes Material zu verschwenden, weil du noch nicht genug Übung hast, um sicher dein Projekt umzusetzen, ist es besser, wenn du dich auf vertrautes Terrain begibst und die neue Technik zu einem anderen Zeitpunkt erprobst. 

Weite Begrenzungen sind die Kosten beziehungsweise Verfügbarkeit des Materials: Teure Materialien, wie Leder, musst du dir leisten können, auch die Stücke zum Üben. Schließlich erfordern viele solcher Materialien eine Erweiterung der Grundtechniken. Beim Leder musst du Schärfen üben, um es anständig verarbeiten zu können. Zudem gilt dabei zu beachten, dass du eventuell spezielle Werkzeug benötigst, die kosten und deren Umgang du üben musst. Im Fall von Leder sind ein Schärfmesser und einen Schleifstein die Grundvoraussetzungen. Weniger materialintensiv ist zum Beispiel das Themenfeld der Prägungen, dafür sind die Werkzeuge um so teurer und die Anwendung braucht viel Übung. 

Bei Auftragsarbeiten schlägt auch noch der zeitliche Mehraufwand bei bestimmten Materialien zu Buche und macht viele Arbeiten für die Kunden unerschwinglich. Ich hatte einmal den Auftrag zugetragen bekommen, eine Bibel zu reparieren. Durch den täglichen Gebrauch hatte die Heftung gelitten, doch der Kunde konnte sich nicht leisten, dass ich sie wieder herstelle. Stattdessen haben wir uns darauf geeinigt, dass ich die Lagen auftrenne und eine Klebebindung daraus mache.

Mit guten Anleitungen kommst du schneller zum Ziel. Im Zirkel erfährst du mehr über die speziellen Techniken der Buchbinderei nach alter Handwerkstradition. Schon dabei sind Lederverarbeitung und Kapitalstechen. Vieles weitere wird folgen, vielleicht weil du danach fragst.

In diese Kerbe schlägt auch die Verfügbarkeit deiner Zeit. Sich neue Techniken anzueignen ist Zeitaufwendig und unter Umständen musst du dich entscheiden, mit welchen Aspekten der Buchbinderei du dich intensiver auseinandersetzen möchtest. 

Die Verfügbarkeit eines Materials schränkt sich dann ein, wenn es zum Beispiel um handgefertigte Buntpapiere geht, egal ob du sie selbst angefertigt hast oder ob sie von einem Künstler stammen. Du hast nur so viele Bogen, wie du oder der Künstler hergestellt hast. Wenn du mit reparaturbedürftigen Büchern oder Einzelstücken, wie Manuskripten - historisch oder nicht, ergibt sich die Einzigartigkeit aus dem Projekt selbst heraus. 

Der Einklang zwischen Form und Funktion

Bei welche Position fühlst du dich wohler? Findest du, dass eine einwandfreie Technik am Wichtigsten ist, damit das Buch die Jahrhunderte überdauert? Oder bist du im Team Ästhetik und legst Wert darauf, dass dein Buchbinde-Projekt ein Kunstwerk wird? 

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Wahrscheinlich ist der Einklang zwischen Form und Funktion die Wahrheit für die meisten von uns. An manchen Punkten können wir für die Optik Abstriche an der Technik machen, weil es Spaß macht schöne, kunstvolle Objekte zu gestalten und den eigenen Alltag zu damit zu schmücken. So ist es komplett legitim ein Buntpapier gegen die Laufrichtung zu verwenden, wenn das Muster es gebietet. Oder einen normalen Stoff zum Nähen als Einbandmaterial verwenden, auch wenn er nicht ganz den Ansprüchen an Buchbinderleinen entspricht und vielleicht ein paar Leimflecken durchdringen. 

Trotzdem ist das Üben von Techniken und die Erweiterung der eigenen Fähigkeiten ein wichtiger Teil der Buchbinderei; auch wenn du es nur als Hobby betriebst. Damit öffnest du dir mehr Möglichkeiten und kannst frei wählen, wie du dein Buchbinde-Projekt gestalten möchtest. Dabei erweitern sich die optischen Gestaltungsmöglichkeiten. 

Mit Sicherheit vereint sich die Perfektion von beiden Aspekten in Meisterstücken, die genau durchdacht und, für die Materialien und Techniken mit großer Sorgfalt ausgewählt werden.


2 Kommentare

  • Huhu,

    hast du dich da evtl. verschrieben?

    "die Fadenheftung an sich darf unbedingt bleiben - die ist stabiler und liegt flacher als eine Fadenheftung."
  • Moin Karin,
    vielen Dank. Du hast Recht, das ergibt keinen Sinn und so wollte ich es auch nicht schreiben. Ich hab's korrigiert.

Was denkst du?

Aus dem Notizbuch des Buchbinders

Ab in die Umsetzung