Schneidtechnik – Warum es Scheren & Messer gibt

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Hast du dir jemals die Frage gestellt, warum es Messer und Scheren gibt? Wahrscheinlich nicht. Schließlich lernen wir von Kindesbeinen an, beides zu verwenden und zu unterscheiden, welches Werkzeug für welchen Zweck. Und nun greifen wir intuitiv nach dem Werkzeug und fragen uns nie, warum es überhaupt zwei verschiedene Arten von Klingen gibt.

Nun, heute lade ich dich ein, darüber nachzudenken.

Der Grund für Scheren und Messer ist die Tatsache, dass beide Werkzeuge komplett verschiedenen Schneidtechniken folgen. Bezeichnenderweise heißen sie Messerschnitt- und Scherenschnittprinzip. Mit diesen beiden Schneidprinzipien kannst du deine Materialien zerteilen, aber nicht unbedingt die Selben gleich gut. Es geht hierbei um Präzision, Kraftaufwand und Schnittanzahl.

Dieser Beitrag stammt aus dem Zirkel der Selberbuchbinder. Im Zirkel findest du weitere Inhalte, die dich tiefer in die Welt des Buchbindens entführen. Inklusive Anleitungsvideos, Materialempfehlungen und Austauschmöglichkeiten mit anderen Selberbuchbindern.

Messerschnitt-Prinzip

Für das Messerschnitt-Prinzip brauchst du grundlegend ein Messer und optimalerweise eine Schneidunterlage. Der Schnitt, das Zerteilen des Materials, entsteht durch die Zugbewegung des Messers.

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Dabei schneidet das Messer in einem oder mehr Zügen das Material, bevor es in die Schneidunterlage eindringt. Diese dient dazu die Messerklinge zu schonen und sie davor zu bewahren durch einen harten Untergrund stumpf zu werden.

Die "größeren" Messer der Buchbinderei sind Stapelschneider oder Buchhobel. Beide Arten von Geräten unterscheiden sich zwar in den Details, basieren aber beide auf dem Messerschnittprinzip.

Die Besonderheit dieser Geräte ist, dass du einen hohen Stoß von Material, zum Beispiel einen Buchblock, fixieren und mit wenig Mühe schneiden. Im Fall es Stapelschneiders oder der noch größeren, elektrischen Planschneider bewegt sich das Messer diagonal durch das Schneidgut. 

Beim Buchhobel wird eine rund geschärfte Klinge hin und her bewegt, also durch das Material gezogen und geschoben. 

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Auch die großen Geräte haben alle eine weiche Schneidleiste, um das Messer beim Aufsetzen auf den Tisch zu schonen.

Der Anschliffwinkel bei Messern ist immer schmal, und stellt damit die größte Schwäche dieses Prinzips dar. Die dünnen Klingen werden schnell stumpf oder schartig. Die Scharten entstehen durch harte Einschlüsse im Schneidgut. Bei Papieren sind sie selten, doch auch wenn es grundsätzlich möglich ist, Pappen mit einem Stapelschneider zu schneiden, ist die Gefahr sehr hoch, sich das Messer zu ruinieren.

 Franja empfiehlt: Was für Stapelschneider gilt, ist im Kleinen für die Messer gültig, mit denen du deinen Materialien zuschneiden, wenn du noch kein großes Gerät hast. Mit einem stumpfen Messer schneidest du deine Materialien weniger leicht und präzise. Gewebe kann ausfransen und Papier, vor allem wenn es dünne oder angeleimt ist, reißen. Bei Pappen wird ein einziger Schnitt zu einem geduldzerfetzenden Unterfangen, wenn das Messer nicht an Schärfe besitzt.
 Ich habe deswegen immer zwei Cuttermesser parat liegen. Ein schweres Model verwende ich ausschließlich für das Schneiden von Pappen oder dickerem Karton. Ein dünnes Cuttermesser verwende ich dafür nur für Papier und Gewebe. Dadurch muss ich nicht darüber nachdenken, was ich zuletzt mit dem Messer geschnitten habe und ob ich die Klinge tauschen muss.

Scherenschnitt-Prinzip

Beim Scherenschnitt-Prinzip hast du immer zwei Messer. Das Obermesser läuft immer gegen das Untermesser. Beide Klingen sind dabei durch einen Drehpunkt miteinander verbunden. Dadurch entsteht ein Winkel, zwischen den das Material gelegt wird und mit gegeneinander führen der Klingen durchschnitten wird. 

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Das klassische Werkzeug zu diesem Prinzip ist die namensgebende Schere, bei der beide Klingen beweglich sind. Bei Hebelschneidern beziehungsweise Pappscheren ist das Untermesser fixiert und das Obermesser wird dagegen gedrückt. Das Material kann auf einem Schneidtisch ausgelegt und aufs Maß eingestellt werden. Mit einem Pressbalken hältst du dann das Material fest, während die Messer es zerteilen.

Mit dem Scherenschnitt-Prinzip lassen sich keine hohen Stapel schneiden, dicke, zähe Materialien dafür um so besser. Anders als beim Messerschnitt-Prinzip hat das Messer einen flachen Anschliffwinkel; dadurch ist es stabil und widerstandsfähig.
Wie leicht es sich mit einer Schere schneiden lässt, hängt neben der Schärfe von Ober- und Untermesser von der Länge des Hebels ab. Eine Pappe mit einer Handschere schneiden zu wollen, ist ziemlich anstrengend und unpräzise. Mit einer Pappschere geht es hingegen kinderleicht.

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Im Vergleich: Ein Messer in einem Stapelschneider wird nach einigen Wochen täglichem Gebrauch ausgetauscht und das alte Messer wird zum Schleifen geschickt. Die Klingen an einer Pappschere hingegen werden alle paar Jahre nachgeschärft.

 Franja empfiehlt: Scheren an sich sind unpräzise Werkzeuge. Du kannst zwar eine Markierung auf dein Material machen und danach schneiden, es braucht aber ein wenig Übung und die richtige Schere diese Linie auch zu treffen. Ein Messer und ein Lineal als Anlage sind meistens präziser.
 Apropos richtige Schere: Ich habe in meiner Werkzeugkiste nicht nur eine Schere. Ich empfehle zwei Scheren in verschiedenen Größen: Einmal eine in der Größe einer Haushalts- oder Bastelschere und einmal eine kleine Schere in der Größe einer Nagelschere, aber mit geraden Klingen.

Welche Schneidtechnik setzt du wann ein?

Wie oben schon angedeutet gibt es klare Kriterien, wann du welches Schneidprinzip einsetzt.

Für den Anfang solltest du dir Cuttermesser mit vielen Ersatzklingen besorgen. Das Zuschneiden von Materialien verlangt Präzision, damit die Maße stimmen. Deckel brauchen gerade Kanten und auch überall sonst sind parallele Linien optisch unauffälliger, als krumme Wellen.
Auch wenn du einen Buchblock beschneiden möchtest und keinen Stapelschneider zur Hand hast, verwendest du dafür am Besten auch ein Cuttermesser. Und ein wenig Geduld.

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Zu Ergänzung des Cuttermessers braucht du wie oben erwähnt eine Schneidmatte und für die graden Kanten ein Stahllineal.

Scheren kommen bei “schwebenden” Materialien zum Einsatz, zum Beispiel beim Zuschneiden von Kapitalband oder Lesezeichen oder wenn das Material angeleimt ist und Klinge lang genug ist, um den Schnitt mit einem Schließen der Schere zu machen. Ein Beispiel ist das Abschneiden von Ecken beim Deckenmachen.

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Später nimmst du vielleicht Stapelschneider oder Hebelschneider zur Hilfe. Mehr zu diesen Geräten gibt’s findest du im Zirkel der Selberbuchbinder.
Hier gilt: Stapelschneider verwendetest du für Stapel, sprich Buchblöcke oder den Zuschnitt von Papier für deinen Buchblock. Bei Serienfertigungen wird auch Gewebe im Stapelschneider zugeschnitten, natürlich zu einem Stapel aufgeschichtet. In so einem Fall schneidet ein Buchbinder manchmal auch Pappen, an linken, weniger genutzten Messerseite oder wenn das Messer so wie so zum Schleifen muss.

Der Hebelschneider ist hingegen für das Zuschneiden einzelner Materialien aller Art geeignet. Zugegeben du kannst das Material zweifach oder dreifach legen, je höher du den Stapel machst, desto unsauberer kann der Schnitt werden. Die absolute Obergrenze wird von der Höhe der lichten Weite des Pressbalkens vorgegeben.
Vor allem eignet sich der Hebelschneider fürs Zuschneiden von Pappen mit einem einzigen Schnitt und im rechten Winkel.


So. Nun weißt du den Unterschied zwischen Messerschnittprinzip und Scherenschnittprinzip. Manchmal ist es sinnvoll das eine oder das andere anzuwenden, manchmal ist es egal.
Wo verwendest du eine Schere? Wann ein Messer? Oder möchtest du gleich in ein Gerät investieren, das dir dein Buchbinder-Leben viel einfacher macht.

2 Kommentare

  • Hallo Franja,
    auch wenn ich vieles mit der Schere schneide, bin ich beim Buchbinden doch relativ schnell auf ein Cuttermesser umgestiegen. Damit kann ich einfach viel präziser arbeiten.
    GLG von Karin
  • Moin Karin,
    sehr schön. Ich halte es genau so. Alle was ich flach auf den Werktisch legen kann, kommt unters Messer. Vor allem, wenn ich zu faul bin, in den Keller zur großen Pappschere zu laufen.
    Schöne Grüße sende ich dir
    Franja

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