Laufrichtung von Papier - Eine Problemzone beim Buchbinden?

Die Laufrichtung von Papier, Karton und Pappe entsteht bei der industriellen Fertigung von diesen Werkstoffen. In riesigen Maschinen wird die Pulpe, ein Brei aus Papierfasern und Wasser und Füllstoffen, über ein Sieb geführt. Der Brei und die Füllstoffe bleiben auf dem Sieb, das Wasser fließt hindurch und wird damit quasi abgeschöpft.

Dieses Sieb ist wie ein Fließband und übergibt das im entstehen begriffene Papier an ein Walzensystem, wo das Papier gepresst, getrocknet und präpariert wird. Zum Schluss kommt eine gewaltige Papierrolle raus; sie wird in kleine Blätter und Bögen zerschnitten, die du dann im Laden kaufen kannst. 

Doch wo genau entsteht nun die Laufrichtung im Papier? 

Eigentlich gleich am Anfang: Im Brei sind die Papierfasern frei schwimmend und weil das Sieb eine fortlaufende Bewegung in die Masse bringt, richten sich die langen Papierfasern stromlinienförmig nach der Laufrichtung des Siebes aus. Sobald das Wasser nach unten abfließt, legen die Fasern sich ab und verbleiben zum größten Teil in genau dieser Position. Auch alle anderen Verarbeitungs- und Veredelung-Prozesse können daran nichts mehr ändern. 

Laufrichtung von Papier


Warum ist die Laufrichtung für's Buchbinden relevant?

Interessanterweise begegnet uns die Laufrichtung von Papier bei fast allen Bereichen, wo mit Papier gearbeitet wird; auch in der Papeterie, im Herstellen von Drucken oder beim Malen oder Zeichnen ist die Laufrichtung bemerkenswert.

Meistens macht sie einen subtilen Eindruck zwischen "Das finde ich schön, angenehm und stimmig" und "Hier passt irgendwas nicht; das finde ich nicht schön" aus; ohne dass du sagen könntest, warum dich dieses Gefühl beschleicht. 

Vorsatz


Auch bei einem selbst gebundenen Buch drängt sich eine falsche Laufrichtung für den Laien im ersten Moment nicht auf. Schließlich gibt es nirgendwo einen Schild oder Label "Dieses Buch hat die falsche Laufrichtung".  

Doch trotzdem fühlt dieses Buch sich nicht so gut an und schlägt eigenartige Wellen. 

Ein Beispiel: Hattest du schon mal ein Taschenbuch in Englischer Sprache in der Hand und hast dich gewundert, warum es unwillig ist gelesen zu werden? Es klappt gerne von selbst zu und wenn du es aufbiegst, bilden sich am Rücken schnell hässliche Knickspuren.

Das liegt daran, dass die Bindung von Büchern im Ausland häufig rationalisiert ist; der Druck der Seiten wird danach gelegt, wie am meisten Seiten auf einen Druckbogen passen und möglichst wenig Verschnitt entsteht. Dazu kommt, dass diese Bücher klassischerweise ein schmaleres Format haben und deswegen schneller von selbst zuschlagen.

Um zu demonstrieren, wie ein Buch mit falscher Laufrichtung sich während des Buchbindens verhält hab ich ein Experiment gemacht. +

Kurz erklärt: Laufrichtung und Feuchtigkeit

Wie oben schon geklärt, entsteht Papier aus vielen schlanken Fasern, die zusammengefügt ein Blatt Papier ergeben.

Diese Fasern reagieren jede einzelne mit ihrer Umwelt, was sich im Großen auf das Papier auswirkt. Ein starker Faktor ist die Feuchtigkeit.

Zum einen kann die Luftfeuchtigkeit auf Dauer Einfluss auf das Papier eines Buchblocks nehmen, weswegen Bücher bei möglichst konstanter und normaler Raumluft gehalten werden sollten.

Zudem fügst du zu Papier jedes Mal Wasser hinzu, wenn du beim Buchbinden Papier mit Dispersionsleim oder Kleister bestreichst. Diese beiden Klebstoffe sind auf Wasserbasis und die Feuchtigkeit zieht rasch in Papier ein.

Unterm Mikroskope passiert in dem Moment folgendes: Die Fasern nehmen das Wasser auf und dehnen sich aus wie ein Schwamm. Da in deinem Papier jede Menge Fasern nebeneinander liegen, überträgt sich diese Ausdehnung auf das Papier. Jedoch ist die Ausdehnung beim Umfang der Fasern größer als bei der Länge. Und damit kommt die Lage der einzelnen Fasern und damit die Laufrichtung des Papiers wieder ins Spiel; das Papier dehnt sich entsprechend seiner Laufrichtung in die Breite.  Das Papier geht.

Ein weiterer Effekt tritt auf, wenn du, wie meistens, ein Papier nur auf Anleimst. Dabei dringt die Feuchtigkeit auf der einen Fläche des Papiers ein, auf der anderen aber nicht. Das führt dazu, dass sich die Fasern an der Leim bestrichenen Seite schneller ausdehnen als auf der Trockenen. Entsprechend wird die eine Oberfläche breiter als die andere und das Papier rollt sich auf. Dabei zieht die "kürzere" Oberfläche die Ecken und Kanten nach Innen. Die große Gefahr dabei  ist, dass die leimbestrichene Seite dabei die Makulatur oder die "schöne" darunterliegende Seite berührt und den Leim darauf verteilt. 

Schneckelndes Papier


Bei einem Vorsatz musst du das auf jeden Fall verhindern, indem du dich darauf gefasst machst, dass das Papier sich rollen wird und die Ecken niederhältst und immer wieder ausstreichst. Wenn Leim auf die Innenseite des Vorsatzes gerät, kann es passieren, dass er dort verklebt.

Beim Anleimen eines großen Bogens auf Makulatur wird die Unterlage verschmutzt und wenn du das Papier wieder ausstreichst, kann Leim auf die "schöne" Seite deines Papiers gelangen. Bei großen Bögen ist es manchmal fast nicht zu verhindern, weil du an so vielen Stellen gleichzeitig sein musst. Deswegen hast du am Besten mehrere Schichten Makulatur ausgelegt. Hebe dein Papier an, ziehe die Makulatur weg und lege das Papier wieder neu auf. Dann kannst du weiterarbeiten.

Nach einer oder zwei Minuten ist der Spuk allerdings schon wieder vorbei: Das Wasser ist bis in alle Fasern durchgedrungen und sie sind alle aufgequollen. Das Papier liegt wieder Plan.

In diesem Zustand wirkt das Papier schwerer und feucht; die Haptik hat sich verändert. Sobald das Papier getrocknet ist, nimmt es wieder seinen ursprünglichen Zustand an.


Biegende Pappen durch Zug

Was passiert, wenn du ein angeleimtes, gegangenes Papier um eine trockene Pappe legst?

Das Prinzip ist ganz einfach:  Das Papier zieht sich beim Trocknen wieder zusammen; abhängig davon wie weit und stark das Papier gegangen ist, entsteht ein Zug. Dieser kann die Pappe in Richtung des Überzugs verbiegen.

Biegende Deckel


Bei Deckel-Pappen mit falscher Laufrichtung ziehen sich die Ecken und die Kanten oben und unten hoch; bei Pappen in richtiger Laufrichtung verzieht sich die vordere Kante gleichmäßig.

Dieser Zug beim Trocknen des Papiers ist der Grund, warum du alles gepresst und unter Gewichten trocknen lässt; unter diesem Druck wird das Papier quasi gezwungen im gedrehten Zustand zu trocknen. Gleichzeitig entweicht die Feuchtigkeit langsamer.

Eine Alternative ist einen Gegenzug aufzubauen; dafür klebst du auf der anderen Seite der Pappe ein Papier auf, da ebenso gegangen ist; am Besten eignet sich das gleich Papier, da dieses den gleichen Zug ausübt.

Bei einem Bucheinband entsteht der Zug durch das Einband-Papier und der Gegenzug durch den Vorsatz.


Ist die Laufrichtung ein Problem beim Buchbinden?

Die oben genannten Effekte durch die Laufrichtung machen das Binden von Büchern nicht einfacher; in den meisten Fällen ist eine genaue Auswahl und Prüfung des Materials und schnelles Arbeiten nötig, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

Das stellt sich die Frage, ob es nicht eine einfache Lösung für diese Probleme gibt und tatsächlich kann ich das bestätigen. Denn früher, vor 200 Jahren hatte kein Buchbinder Probleme mit der Laufrichtung von Papier.

handgeschoepftes Papier


Das hatte sogar zwei Gründe: Zum Einen ist die Laufrichtung bei Papier ein Effekt, der bei der industriellen Fertigung von Papier, auftritt. Beim Papier schöpfen aus der Bütte werden die Papierfasern im Schöpfsieb gewiegt; dadurch liegen sie Kreuz und Quer, ohne eine vorwiegende Richtung.

Büttenpapier hat keine Laufrichtung

Zum Anderen wurde damals nicht unbedingt Feuchtigkeit durch den Leim auf das Papier gebracht. Zwar haben die Buchbinder damals schon Kleister verwendet, aber Disperionsleime auf Wasserbasis wurden erst in den 1930igern erfunden. Die Buchbinder verwendeten Knochen-, Haut- und Fischleime wie sie schon in der Antike verwendet wurden. Übrigens ist die Entwicklung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Guttenberg und die dadurch aufkommende Verbreitung von Büchern und Schriftgut, der Grund, warum der Beruf des Leimsieders und eine stetige Verbesserung der antiken Leime entstand.

Knochen-, Haut- und Fischleime bestehen aus Glutin; sie sind bei Zimmertemperatur fest und werden durchs Erwärmen flüssig und verarbeitbar. Diese Klebstoffe beinhalten kein Wasser und werden nicht mit Wasser angerührt, wodurch das Papier vom Wasser frei gehalten wird.

Du könntest also den Aufwand betreiben und deine Bücher nur aus Büttenpapier und mit Glutin-Leimen binden. Oder du übst dich im Arbeiten mit "normalen" Papier und modernen Leimen und bist das nächste Mal darauf gefasst, wenn dein Papier sich selbstständig macht. 

2 Kommentare

  • Moin Franja, hab gerade deinen Artikel über die Wichtigkeit der Laufrichtung gelesen und kann es auch nachvollziehen, bzw. Hab es selbst schon gesehen/erlebt (englischsprachige Taschenbücher). Meine Frage: wie erkenne ich denn nun die Laufrichtung eines Papiers, wie zB Geschenkpapier?
  • Moin Gundula,
    Geschenkpapier ist tatsächlich meistens sehr schwierig die Laufrichtung zu erkennen.
    Am Besten funktioniert bei vielen Papieren die Wasserprobe. Bei Pappe und Karton hat sich die Biegeprobe bewährt. Du findest beide Herangehensweisen und ein paar mehr hier: https://www.selberbuchbinden.de/blog/laufrichtung/

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