Die Schachtel-Arten der Buchbinderei – Eine Übersicht

Die Schachtel ist der zwei Pfad der Buchbinderei neben dem Binden von Büchern. Der Zusammenhang entstand ursprünglich, weil Buchbinder Schachteln für hochwertige Bücher gefertigt haben. Seit es selten geworden ist, Schachteln nach Maß mit der Hand zu fertigen, ist das manuelle Herstellen von überzogenen Schachteln alleiniges Metier der Buchbinder und Buchbinderinnen. Die grundlegende Technik des Schachtel-Machens ist weniger verzweigt, als beim Binden von Büchern, dennoch sind die Gestaltungsmöglichkeiten vielfältig. Daraus ergeben sich ein paar Arten von Schachteln, die ich dir hier vorstelle:

Stülpdeckel-Schachtel

Eine Schachtel mit Stülpdeckel besteht aus zwei einzelnen Schachteln, wobei die Größere der Deckel für die kleinere Schachtel ist. Beide sollen exakt in einander passen. Für eine Stülpdeckel-Schachtel baust und überziehst du am Besten erst den Boden, um anhand dessen Maßen den Deckel zu konstruieren, zusammenzusetzen und zu verkleiden. Dabei musst zu zwischen Boden und Deckel ein wenig Luft lassen; es ist gerade genug, wenn der Deckel sich mit wenig Druck auf den Boden schieben lässt, der Deckel aber nicht klappert. Der Deckel einer Stülpdeckel-Schachtel kann, muss aber nicht die ganze Seitenwand des Bodens abdecken. Stülpdeckel-Schachteln, vor allem die mit bündigen Deckel verschließen hervorragend, weswegen eine Unterform als Aufbewahrung für Bücher beliebt ist.

Die Kassette

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Eine Kassette ist eine Stülpdeckel-Schachtel mit einem einband-ähnlichen Umschlag. Dabei schließen Deckel und Boden meistens bündig ab. Da eine Seite der Schachteln von dem Rücken des Einbands verdeckt wird, ist sie meistens nur an drei Seiten geschlossen und zur Rückseite hin offen. Dadurch ist es leichter, die Objekte aus der Kassette zu entnehmen.

Schachtel mit Hals

Eine Schachtel mit Hals ist eine heute seltene Schachtel-Art; ihre Herstellung ist relativ aufwändig. Du erkennst sie daran, dass die Schachtel zwar aus Deckel und Boden besteht, es äußerlich aber keine Kante beim Übergang beider Teile gibt. Das liegt daran, dass der Deckel auf einen Hals aufgesetzt wird, der den Boden im Inneren der Schachtel erweitert. Ein Beispiel, bei dem noch ein Teilstück ein Hals hat, ist die Öffnung einer Zigaretten-Schachtel. Dabei ist der Deckel allerdings an der Rückseite verbunden, während eine klassische Schachtel mit Hals so gefertigt wird, dass der Deckel sich ganz abheben lässt. 

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Wenn du eine Schachtel mit Hals gut gefertigt hast, sitzt der Deckel meistens fest und zuverlässig auf der Schachtel, lässt sich aber gleichzeitig ohne Gewalt abheben. Deswegen eigen sie sich gut als Kästen für Stifte oder Werkzeug. Ein weiterer Vorteil ist, dass du sie dicht an dicht in ein Regal stellen kannst, während eine Stülpdeckel-Schachtel immer Abstände zwischen den Böden produziert. 

Für den Hals dieser Schachtel benötigst du zusätzlich zu der Pappe für den Boden und Deckel noch Karton für den Hals. Dieser wird wiederum mit etwas "Luft", erzeugt durch ein dickes Papier oder dünnen Karton, von innen an den Boden geklebt. Dadurch wird es ein bissl aufwendiger den Boden zu überziehen, gleichzeitig bietet der Hals die Möglichkeiten die Schachtel um ein Dekor-Element zu erweitern. Schachteln mit Hals werden häufig als gerändelte Schachteln hergestellt, wo an allen Kanten eine Schiene aus Gewebe oder Leder aufgetragen wird und das Buntpapier nur die Bereiche dazwischen füllt.

Schachtel mit flachem Deckel

Bei einer Schachtel mit flachem Deckel ist, wie der Name schon sagt, der Deckel keine "zweite" Schachtel, die als Deckel fungiert, sondern meistens nur ein planes Stück Pappe. Damit dieses überhaupt einen Halt an der Boden-Schachtel findet, klebt ein weiteres Stück Pappe auf der Unterseite des Deckels. Dieses ist dabei exakt auf die Innenmaßes des Bodens zugeschnitten (mit Überzug) und hält, indem du dieses Teil in den Boden drückst. 

Diese Art von Deckel ist sehr einfach abzuheben und wieder aufzulegen, dafür aber recht locker. Zudem nimmt es in dem Schachtel-Boden 2-3 mm Raum ein, wodurch die Schachtel nicht bis zur Kante gefüllt werden kann. Der Vorteil ist allerdings, dass diese Art Deckel einfach und schnell zu fertigen ist. 

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Diese Art von Deckel sind ideal für Schachteln, die einen festen Ort haben und nicht oft von dort weggenommen werden, wie die Schachteln in meiner Werkzeugschublade.

Weitere Gestaltungsmöglichkeiten für die Kombination mit den Schachtel-Arten

Schachteln mit umlaufenden Kanten

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Prinzipiell kannst du alle Schachtel-Arten mit umlaufenden Kanten versehen, wenn dir das gefällt; bei manchen ist es nur nicht sinnvoll. Vor allem Schachteln mit flachem Deckel eigene sich besonders gut dafür. Dafür fügst du der Schachtel eine weitere Bodenplatte hinzu und machst den Deckel entsprechend größer. Wenn du eine dritte Pappe hinzufügst und in einem Stück überziehst, hast du schon eine Kassette. Bodenaufsatz und Deckelaufsatz sind dabei immer symmetrisch und gleich groß. 

Klappdeckel-Schachteln

Eine Schachtel mit Klappdeckeln zu machen ist, wie bei den umlaufenden Kanten eine Variante, die du mit verschiedenen Arten kombinieren kannst. Hierbei wird der Deckel an dem Boden der Schachtel befestigt, sodass du sie einfach aufklappen kannst. Das geht mit Stülpdeckel-Schachteln genau so wie bei Schachteln mit flachem Deckel oder Hals. 

Der große Vorteil ist natürlich das der Deckel dadurch nicht abhanden kommen kann und die Schachtel mehr wie eine Schatzkiste wirkt. Der Nachteil ist, dass das Überziehen aufwendiger sein kann und der Falz zwischen Deckel und Boden eine strapazierte Stelle ist, die irgendwann kaputt gehen wird. 

Offene Schachteln

Offene Schachteln, also Schachteln ohne Deckel, sind eine weitere Variante. Meistens brauchen solche Schachteln keinen Deckel, da sie so wie so von oben befüllt werden sollen, wie Stift-Dosen oder Halter für Notizzettel. 

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Ein großer Teil meiner Werkzeug-Boxen steht ebenfalls ohne Deckel in der entsprechenden Schublade. Dort sind sie vor Staub und Wirrungen geschützt und die Schachteln selbst dienen nur der Ordnung. Es wäre regelrecht lästig, jedes Mal einen Deckel abzuheben, wenn ich an mein Falzbein wollte. 

Du kannst bei jeder Schachtel, die du machst überlegen, ob du wirklich einen Deckel brauchst.

Der Schuber

Ein Schuber für ein Buch ist ebenfalls eine Schachtel – nur halt einer, der an einer schmalen Seite offen ist und für ein konkretes Buch gefertigt wird.

Der Schuber wird anhand der Maße eines fertigen Buches geschaffen. Dabei musst du Luft einplanen , damit das Buch locker in den Schuber hinein oder heraus gleiten kann, jedoch so wenig, dass das Buch im Schuber nicht klappert. Üblicherweise ist eine lange, schmale Seite offen; ein Schuber hat also keinen Deckel. Das Buch wird so hineingeschoben, dass der Schnitt des Buchblocks verdeckt und der Rücken mit Titel weiterhin zu lesen ist.

Ein Schuber ist in der Gestaltung häufig dem Buch nachempfunden. Dabei kann der Schuber mit den gleichen Materialien gearbeitet werden, wie das Buch; mit Papier, Gewebe oder Leder. Auch ein zu einem Halbband passender Schuber ist möglich, wobei dann meistens Kopf und Fuß des Schubers mit dem Material des Buchrückens und die Seitenwände mit dem Deckelmaterial überzogen werden.

Mit einem Schuber kann nicht nur ein einzelnes Buch gefasst werden, sondern auch Buch-Reihen oder Kompendien von verschiedenen Medien.

Schachtel-Arten bei Kartonagen

Kartonagen sind wie der Name schon sagt aus Karton und nicht aus Pappe gefertigt. Dieser wird nicht zusammengesetzt, dafür sind die Kanten ohnehin zu schmal, sondern werden entweder gefalzt oder gerillt aus einem Stück gefertigt. 

In dieser Art Schachteln zu fertigen, sind, neben den zuvor genannten, weitere Arten möglich, die dir aus dem Alltag auch vertraut sein dürften. Umverpackungen für alle möglichen Konsumgüter, wie Zahnpasta, Schokolade oder Klöße sind in Faltschachteln verpackt. Manche davon werden zugeklebt, interessanter fürs Buchbinden sind allerdings jene, die sich mittels einer Lasche öffnen und schließen lassen. 

Egal ob Schuber oder Stülpdeckel-Schachtel, eine Kartonage ist aufgrund der Materialwahl immer weniger stabil als eine Schachtel mit einem Kern aus Pappe; jedoch ist der Aufwand eine Kartonage zu fertigen letztlich geringer. Zwar kostet die Konstruktion etwa die gleiche Zeit und Mühe, wenn du aber einmal die Blaupause raus hast, kannst du Kartonagen in gleicher Größe in Serie fertigen und immer die gleichen Maße zugrunde legen. Du sparst dir das zeitintensive Zuschneiden und Zusammensetzen der Pappe und benötigst zudem keine Trocknungspause. 

Daher kann für ein schnelles, einfaches Projekt eine Kartonage eine Alternative zu eine Pappschachtel sein. Viele Dekor-Techniken für Schachteln kannst du auf Kartonagen übertragen.

Moin, ich bin Franja

Ich bin buchverliebt seit Kindesbeinen und es fiel mir nicht schwer, mein Leben den Büchern zu widmen. 

Ich schreibe selber und binde Bücher, bis jetzt – weiter Buchkünste kommen bestimmt noch hinzu.


Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht allen Buchbegeisterten die Kunst und das Handwerk rund ums Buch zu zeigen und zu lehren.

Ich gebe Workshops und leite den Zirkel der Selberbuchbinder, einen Online-Kurs mit Livetreffen.

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