Anleitung: Kaschieren - Eine Basistechnik des Buchbindens

Ich schaue meinem Kursteilnehmer beim Anleimen der Papiere für ihre Einbandpapiere zu und wie sie diese dann auf ihre Pappen kleben. Die meisten angehenden Buchbinder wünschen sich eine dritte Hand, haben Leim an allen Fingern oder zu wenig davon auf dem Papier.

Am Anfang war ich darüber erstaunt, denn das Kaschieren in der Buchbinderei ist das Kleben zweier Materialien aufeinander. Seit Beginn meiner Ausbildung ist es mir in Fleisch und Blut übergegangen. Doch dann überfielen mich die Erinnerungen an die Anfangszeit, als mein Lehrer neben mir stand und mich vor dem Anleimen meines Materials runterbeten ließ, mit welchen Fingern ich in den Leim fasse und mit welchen nicht.

In diesem Beitrag zeige ich dir, wie du die Materialien der Buchbinderei – Papier, Pappe, Gewebe und Leder – aufeinander kaschieren kannst, ohne dass Luftblasen oder Leimtapser dein Buchbinde-Projekt verschandeln.

Was ist Kaschieren?

Einfach gesagt, verbindest du beim Kaschieren zwei Materialien miteinander. Pappe mit Papier. Gewebe mit einem Trägermaterial. Wenn du ganz normalen Leim oder Kleister verwendest, ist das eine Nass-Kaschierung. Hierbei ist es wichtig, dass du die Laufrichtung deiner Materialien beachtest, da sich vor allem Papier und Gewebe gerne unter Einfluss von Feuchtigkeit wellen oder zusammenrollen.

Beim Verbinden mit Doppelklebefolie machst du eine trockene Kaschierung. Diese eignet sich für besonders schwierige Materialien oder solche, die sich mit Leim nicht verkleben lassen würden. Allerdings hält sie ihre eigenen Tücken und Schwierigkeiten bereit, weswegen sie an anderer Stelle gesondert betrachtet werden muss.

Doch was ist daran nun so besonders?

Eigentlich nichts, außer dass es ein paar Tricks gibt, die ich dir zeigen möchte, damit es dir leichter fällt, ohne Leimflecken auf der ›schönen‹ Seite dein Buch zu binden.

Werkzeuge

Die Werkzeuge für das Kaschieren sind natürlich Pinsel zum Auftragen von Leim. Das Falzbein und deine eigenen Hände sind ebenfalls wichtige Tools beim Verkleben von Materialien.

Pinsel

Zum Auftragen des Leims verwende ich immer Rundpinsel, da sie schnell viel Leim aufnehmen und sich an den Borsten immer eine »Reserve« findet. Um diese anzugreifen, kannst du den Pinsel leicht zwischen den Fingern rollen und mit einem anderen Teil der Borsten wieder streichen.

Für verschiedene Größen von Leimgut verwende ich Pinsel in verschiedenen Größen. Die Größen bezeichnen hierbei den Durchmesser des Pinsels. Die Auswahl des Pinsels für die Fläche ist neben dem persönlichen Geschmack eine Sache der Größe des Leimguts. Generell gilt: Je größer die anzuleimende Fläche, desto dicker sollte der Pinsel sein. Ich verwende grundlegend immer die drei gleichen Pinsel und eine kleine Malerrolle.

BB 2026 KaschierenBeimKaschieren Pinsel

  • Fläche ca. A6 groß: kleiner Pinsel
  • Fläche ca. A5 plus (z.B. Einschläge): mittlerer Pinsel
  • Fläche ca. A4 plus: großer Pinsel
  • Größere Flächen: großer Pinsel oder Malerrolle

Wichtig bei deinen Pinseln ist, dass du sie nach der Verwendung sorgfältig auswäschst. Leimreste in den Borsten verkrusten, mindern die Leimaufnahme und verschlechtern die Verteilung des Klebstoffs bei der nächsten Kaschierung.

Falzbein und Hände

Das Falzbein ist das wichtigste Werkzeug zum Andrücken und Festreiben von Materialien, die du verkleben möchtest.

Denkste?

Am wichtigsten sind eigentlich deine eigenen Hände (und bei besonders großen oder störrischen Materialien auch noch die Hände einer weiteren Person).

Um sauber kaschieren zu können, musst du also die Hände an den richtigen Stellen leimfrei haben.

Für große Flächen verwendest du am besten deine Handballen und Handkanten und streichst die Luft nach außen raus.

Für kleinere Flächen und Kanten verwendest du deine »Sauber«-Finger.

Für Vertiefungen, Kanten und umgeschlagene Flächen wie Einschläge verwende das Falzbein.

Noch mal zu Fingern: Verwende niemals deine Fingernägel, um Kanten oder Vertiefungen anzureiben. Unter ihnen sammelt sich schnell Leim, der sich dann auf deine Oberfläche verteilen kann; oder sie hinterlassen Glanzstriche oder Nagellackspuren.

Wer gerne mit empfindlichen Materialien arbeitet, kann darüber nachdenken, sich ein Teflon-Falzbein anzuschaffen. Damit kannst du besonders empfindliche Materialien anreiben, ohne Spuren zu hinterlassen.

Makulatur

Um ein Material anleimen zu können, legst du es natürlich auf einen glatten Untergrund. Damit du deinen Tisch nicht anleimst ?- schließlich machst du darauf alle weiteren Schritte und willst den Leim nicht auf der schönen Seite von deinem Buchbinde-Werk haben - verwendest du am besten Makulatur.

Der Begriff Makulatur bezeichnet im Druckgewerbe Fehldrucke und Ausschuss, also Bogen, die schlicht übrig bleiben. In einer Buchbinderei fallen diese an, weil meist ein Überschuss an Druckbogen oder Papier angeliefert wird. Nun, als Amateur-Buchbinder passiert dir das nicht. Außer du streitest dich mit einem im Verhältnis recht kleinen Drucker. Makulatur in A4 ist durchaus praktisch. Du kannst sie auf jeden Fall sammeln.

Für große Kaschierarbeiten benötigst du jedoch größere Bogen. Wenn du ein Ganzband im Endformat A4 binden möchstest, ist die Decke mit umlaufenden Kanten und Buchrücken mehr als doppelt so groß. Der Überzug ist an jeder Seite weitere 1,5 cm größer. Also benötigst du 60 x 40 cm-Makulatur, wenn du auch noch einen Rand haben möchtest, auf dem du den Pinsel ausstreichen lassen kannst. A4-Blätter reichen da lange nicht.

Franja empfiehlt: Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, verwende nicht mehrere Bogen für eine Makulatur. Das Papier neigt dazu, sich unter dem Druck deines Pinsels zu verschieben, was die Gefahr birgt, dass Leim auf die schöne Seite gelangt. Ein größerer Bogen ist immer besser, aber falls du mal keinen passenden hast, klebe die Makulatur-Bogen sorgfältig über die gesamte Kante aneinander.

Wenn du jetzt vielleicht überlegst, wo die nächste Großdruckerei ist, bei der du deinen zukünftigen Vorrat an Makulatur abgreifen kannst, halte kurz inne und schaue dich um. Hast du einen großen Wandkalender? Poster oder Plakate, die dir nicht mehr gefallen? Große Stücke Verpackungsmaterial aus ungeknittertem Papier? Da hast du deine Makulatur. Benutze immer die unbedruckte Seite, denn Druckerfarbe kann sich bei der Feuchtigkeit beim Anleimen anlösen und auf der schönen Seite haften bleiben. Deswegen eignen sich Zeitungen, obwohl das Format meist schön groß ist, weniger gut zum Buchbinden.

Leimauftrag je nach Fläche und Anwendung

Sternförmig zum Rand

bei: Einkleben vom Buchblock und Anleimen von kleineren Flächen

Grundsätzlich möchtest du nicht dein Material von der falschen Seite anleimen. Es kann jedoch passieren, dass du das Material von der Makulatur leicht abhebst und mit dem Pinsel auf die Unterseite kommst.

BB 2026 KaschierenBeimBuchbinden Vorgehen

Das kannst du verhindern, indem du immer von der Mitte deines Materials nach außen streichst. Den Pinsel hebst du für den Rückweg leicht vom Material ab und kehrst zur Mitte zurück. Dann streichst du von dort wieder nach außen. Wiederhole den Kreis um die Mitte, bis du mindestens zwei Mal herumgekommen bist. Dadurch garantierst du, dass du auf jeder Stelle genug Leim aufgetragen hast.

Schmale Materialstreifen

bei: Rückeneinlagen anleimen

Bei schmalen Streifen arbeitest du dich am besten von der Mitte aus nach oben und unten. Dabei tritt der Pinsel meist automatisch über die Kanten links und rechts.

Große Flächen

bei: Einbandmaterial aus Papier, Gewebe oder Leder; Poster oder Bilder auf einen Karton aufziehen

Große Flächen sind schwierig anzuleimen, da der Leim des ersten Pinselstrichs schon trocknet, während du die letzten tust.

Arbeite dich wieder von der Mitte aus nach außen; wiederhole den Ablauf ein weiteres Mal und leime noch mal die erste Hälfte an. Wichtig hierbei ist auch, dass du den Pinsel mit der richtigen Größe auswählst. Bei großen Flächen empfehle ich sogar eine kleine Malerrolle.

Negative Leimung

bei: Titelschildern und Auflagen aufkleben

Bei kleinen Stücken, die du anleimen möchtest, oder solchen, die kleine Ecken oder Vorsprünge haben (zum Beispiel bei Auflagen), kannst du eine negative Leimung machen. Dabei streichst du Leim auf eine Unterlage und legst deinen Ausschnitt mit der anzuleimenden Fläche auf die Leimschicht. Drücke sie sachte an, du möchtest sie ja nicht festkleben, und ziehe sie dann wieder ab. Auf der Rückseite befindet sich jetzt eine hauchdünne Leimschicht. Beim Aufkleben wird nur wenig oder gar kein Leim unter den Rändern heraustreten.

Trick und Fehler beim Kaschieren

»Leim«-Finger und »Sauber«-Finger

Kleine Materialien kannst du nach dem Anleimen einfach anheben. Dafür drückst du mit deinen »Leim«-Fingern auf die angeleimte Fläche und hebst das Material von der Makulatur ab. Mit sauberen Fingern kannst du das Material gegen die anderen »Leim«-Finger fixieren und gezielt aufkleben.

Am einfachsten ist es, wenn du dir im Laufe deiner Buchbinde-Projekte Finger festlegst, die immer »Leim«-Finger sind, und welche, die immer »Sauber«-Finger sind. Handballen und Handkanten sind auch wichtig zum Festdrücken deines Leimguts gegen das Trägermaterial und somit von Leim frei zu halten.

BB 2026 KaschierenBeimBuchbinden Tipp

Ein weiterer Trick ist die Schürze, die du beim Buchbinden immer tragen solltest und an der du deine Finger immer schnell vom Leim reinigen kannst.

Pappe auf das Material oder Material auf die Pappe kleben?

Die größte Frage ist, wann ich die Pappe auf das Material klebe und wann ich das Material von der Makulatur hebe und auf die Pappe auflege.

Grundsätzlich: Wenn du Einschläge hast, also z. B. einen Einband machst, lässt du das Material auf der Makulatur liegen und legst die Pappen auf.

Wenn du eine genaue Markierung, z. B. bei einem Halbgewebe-Band oder einer Auflage treffen möchtest, hebst du das Material von der Makulatur ab und klebst es anhand der Markierungen auf.

Wie du Luftblasen beim Kaschieren vermeidest

Luftblasen sind neben Leimflecken das größte Ärgernis für dein fertiges Buchbinde-Projekt. Du erkennst sie an dem Knistern, wenn du bei deinem getrockneten Buch über den Einband streichst.

Du kannst sie vermeiden, wenn du beim Kaschieren sorgfältig die Luft zwischen Leim und Trägermaterial rausstreichst. Benutze dafür Finger oder Falzbein oder, bei größeren Flächen, die Handkanten.

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Letztlich bleibt nur zu sagen, dass der Umgang mit Leim geübt sein will. Eine schöne vollflächige Kaschierung ist eine Herausforderung - umso mehr, je größer sie wird. Zusätzlich fühlt sich mit einer größeren Fläche, einem anderen Material oder einfach nur einer höheren Raumtemperatur alles anders an, und was zuvor klappte, funktioniert nicht mehr. Da hilft dann leider nur üben, ausprobieren und Erfahrungen sammeln.

Andere Klebestoffe und Tricks bieten bei den im Selberbuchbinden-Blog keine sinnvolle Alternative, weil sie andere Schwierigkeiten und Problematiken mit sich bringen. Leim und Kleister haben sich einfach bewährt und die Techniken der Buchbinderei haben sich damit entwickelt.

Über andere Materialien und Anwendungsbereiche habe ich im Zirkel der Selberbuchbinder gesprochen. Was hier zu weit führt, findet dort seinen Platz.

Moin, ich bin Franja

Ich bin buchverliebt seit Kindesbeinen und da fiel es mir nicht schwer mein Leben den Büchern zu widmen. 

Ich schreibe selber und binde Bücher, bis jetzt – weiter Buchkünste kommen bestimmt noch hinzu.


Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht allen Buchbegeisterten die Kunst und das Handwerk rund ums Buch zu zeigen und zu lehren.

Ich gebe Workshops und leite den Zirkel der Selberbuchbinder, einen Online-Kurs mit Livetreffen.

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4 Kommentare

  • Hi Franja,
    ich habe in einem Buch gelesen, dass man beim Kleben die Klebefläche immer 2x "anschmiert" ?
    Was ist der Grund dafür ?
    Heist das anschmieren und gleich nochmal mit Leim oder Kleister drübergehen oder anschmieren, trocknen lassen und neuerlich anschmieren.
    Ich habe nicht verstanden warum immer von 2x anschmieren die Rede ist.
    Danke
    Fg. Anon
  • Moin Anton,
    2x anleimen heißt wahrscheinlich, zweimal über die Fläche gehen während des gleichen Prozesses. Also während der Leim noch feucht ist. Das dient dafür, die gesamte Fläche angeleimt zu haben: bei einmaligem Drübergehen verpasst man häufig kleine Stellen oder der Leim wird nicht gleichmäßig durch die Borsten verteilt.
    Zudem bekommen die Stellen, die zuerst dran waren noch mal frischen Leim.
    Stell es dir aber nicht als getrennte Vorgänge vor, sondern mach es in einem Rutsch.

    Herzliche Grüße
    Franja
  • Hi Franja,
    Leimfinger? Sauberfinger? Wie genau soll das gehen, ich brauche immer alle meine Finger... ;-)
    LG - Beate
  • Moin Beate,
    du suchst dir zwei Finger aus, die leimig werden dürfen. Klassisch werden dafür Daumen und Mittelfinger genommen, denn mit den beiden lässt sich an den meisten Händen die weiteste Spanne erreichen. Probier' mal den Zeigefinger einzurollen und die beiden Finger möglichst weit auf dem Tisch zu spreizen, dann siehst du was ich meine.

    Dann musst du dir nur noch angewöhnen, den Zeigefinger immer hochzuhalten, wenn du etwas anleimst und schon hast du den Dreh raus :D

    Viel Spaß!
    Franja

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