Die Laufrichtung beim Buch ist immer parallel zum Rücken - Ein Buchbinde-Projekt

Dieses Buch war eine Herausforderung! 

In meiner Ausbildung wurde mir eingeblaut: Laufrichtung beim Buch immer parallel zum Rücken. Schwierig, diese Regel zu brechen und sei es mit Absicht.

Aber ich wollte dir mal zeigen, was passiert, wenn du dich nicht an diese Regel hältst und vielleicht findest du darin die Lösung für ein Problem, dass bei deinen bisherigen Buchbinde-Projekten aufgetaucht ist. 

In einem der ersten Beiträge auf Selberbuchbinden habe ich beschrieben, wie du die Laufrichtung bei Papier und Pappe herausfinden kannst.
In diesem zeige ich dir, wie die Laufrichtung ein Buch beeinflusst und was passiert, wenn du dich nicht ans eherne Gesetz der Buchbinder hältst. 

Laufrichtung beim Buch Buecher

Ein Buchblock mal andersherum gemacht 

Mal abgesehen, dass es einem routinierten Buchbinder einen Knoten in den Kopf macht, gibt es am Buchblock nur wenige sichtbare Zeugnisse der falschen Laufrichtung.

Beim Falzen ist das Papier steif und es entstehen schnell Quetschfalze oder eine aufgebrochene Papieroberfläche, wenn du nicht vorsichtig mit dem Falzbein den Falz herunterbügelst. Doch hier bei kommt es stark auf das Papier an. Eine gestrichene glatte Oberfläche (Hochglanzdruckpapier) oder dicker Karton neigen schneller zu diesen eindeutigen Anzeichen, als ein offenes Werkdruckpapier mit einer rauen Haptik bei der eventuelle Unregelmäßigkeiten in der Struktur des Papiers unsichtbar werden. 

Beim Vorstechen und Heften verhält sich das Papier genau so, wie welches mit richtiger Laufrichtung. Allerdings könnte dir hier schon auffallen, was der stärkste Effekt der falschen Laufrichtung am Buchblock ist. 

Ausnahme Klebebindung: Bei der Klebebindung rückst du dem Buchblock gleich zu Beginn mit Leim auf das Papier. Die Feuchtigkeit im Leim sorgt dafür, dass das Papier sich wellt. Bei der Klebebindung bilden sich die Wellen am Buchrücken. Um so wichtiger ist es, dass die Bindung unter Gewicht trocknen lässt; schlimmstenfalls bleibt die Welle im Buchrücken.

Dieser Effekt hat was damit zu tun, dass die Papierfasern bei falscher Laufrichtung gegen ihre Ausrichtung gebogen oder geknickt werden. Die Papierfaser an sich ist zwar elastisch und biegsam, aber wenn du mit der Faser parallel zu ihrer Ausrichtung arbeitest, musst du sie gar nicht erst knicken oder brechen. 

Demnach schlägt sich ein Buchblock mit falscher Laufrichtung nicht so schön auf, das Umblättern wirkt steif und sperrig und das Lay-Flat-Verhalten ist gegenüber einem Buchblock mit richtiger Laufrichtung  vermindert. 

Laufruchtung beim Buch aufgeschlagen


Trotzdem war bis jetzt die falsche Laufrichtung nicht unbedingt sichtbar. Das ändert sich sobald du deinem Buchblock mit Leim zu Leibe rückst; also spätestens dann, wenn du deinen Buchblock mit Vorsätzen und Hinterklebung versiehst. 

Schon bei der Leimspalte am Vorsatz kann es dir passieren, dass sich das Papier an der angeleimten Stelle wellt; und zwar entsprechend der Laufrichtung nicht parallel zum Falz, sondern im rechten Winkel dazu. 

Durch festes Andrücken des Vorsatzes lässt sich der Effekt aber noch egalisieren.

Kleine Vorausschau: Der Vorsatz in falscher Laufrichtung wird sich später noch gewaltig rächen.

Die Hinterklebung lässt den "Alles-Wellt-sich"-Effekt noch deutlicher zu Tage treten. 

Laufrichtung beim Buch Hinterklebung


Kapital und Lesezeichen lassen sich auch an diesem Buchblock ganz normal anbringen, hier gibt es keinen negativen Effekt. 

Der Einband 

Hab ich weiter oben schon erwähnt, dass Pappe und Karton (für Deckel und Rückeneinlage) auch Laufrichtungen haben... 

Das kommt daher, dass beides im Prinzip nur dickes Papier ist oder Papier, das so lange miteinander verleimt wurde, bis es die gewünschte Dicke erreicht hat. Damit haben sowohl Karton als auch Pappe eine Laufrichtung und im letzten Fall ist sie sogar besonders ausgeprägt. 

Übrigens: Auch Stoff und Holz haben eine "Laufrichtung". Beim Stoff ist es die Webrichtung; wobei die "Laufrichtung" parallel zum Kettfaden ist, damit dieser nicht gebrochen wird. Bei Holz ist es die Wuchsrichtung. Die "Laufrichtung" ist parallel zur Maserung. 

Beim Bucheinband können nun die Pappe für die Deckel und die Rückeneinlage, sowie das Zusammenhängpapier und der Überzug die falsche Laufrichtung haben. 

Schlimmstenfalls kombinierst du alle falschen Laufrichtungen und hast am Ende einen vollkommen verzogenen Bucheinband, bei dem sich die Ecken hochziehen.

Gewellte Rückeneinlage

Während eine Rückeneinlage mit der richtigen Laufrichtung sich höchstens nur in die Richtung wellt, in die sie sich biegen sollte, kann eine falsche Laufrichtung zu gewellten Buchrücken führen. Zugegebenerweise ziehen sich die Wellen häufig wieder raus, wenn der Einband um den Buchblock gelegt wird.

Falls dieser Effekt bleibt, entsteht ein unschöner Buchrücken, der auch beim im Regal stehenden Buch zu sehen ist.

Gebrochener Falz 

Bei einem Einband mit dem Überzug und Zusammenhängpapier in falscher Laufrichtung leidet die Haltbarkeit des Buches. Mit jedem Aufschlagen des Buches werden die Papierfasern weiter gebrochen und es passiert schneller, als bei einem Buch mit richtiger Laufrichtung, dass sich Risse im Falz bilden. Schlimmstenfalls verliert das Buch den Rücken, weil beide Falze gerissen sind.

Problem-Zone: Einhängen

Das Einhängen, also das Verbinden von Buchblock und Einband, ist einer der schwierigsten Schritte beim Binden eines Buches. Vielleicht ist es für dich auch eine schlechte Nachricht, wenn ich dir jetzt sage, dass du es durch eine falsche Laufrichtung nicht einfacher macht. 

Wie oben beschrieben erwarten dich zwei Effekte, wenn du deinen Vorsatz anleimst: Das Papier geht und dehnt sich aus und das Papier biegt und rollt sich entsprechend seiner Laufrichtung. 

Du leimst also das Papier an und es beginnt sofort sich zu schneckeln (nach innen weg aufzurollen). Du bist also damit beschäftigt es daran zu hindern die "schöne" Seite des Vorsatzes mit Leim zu beschmieren und es glatt zu legen, damit du den Deckel auflegen kannst. Während du damit beschäftigt bist, geht dein Papier und dehnt sich aus. Aber nicht, wie bei einer richtigen Laufrichtung nach Vorne, sondern entsprechend der Laufrichtung nach oben und unten. Die Dehnung in zwei Richtungen machen Anpassungen schwierig und schlimmer noch: Die umlaufenden Kanten Oben und Unten sind wichtig um abzuschätzen, ob der Buchblock gerade im Einband liegt. Wenn sich der Vorsatz aber in diese Richtungen ausdehnt, verschwindet dein Maß für die saubere Arbeit - zumal beide Richtungen nicht unbedingt gleich schnell gehen müssen. 

Ein weiterer Effekt taucht auf, wenn du den Deckel nach dem Einpressen aufschlägst. Der Vorsatz hast sich gewellt und hat nicht in Gänze Halt an den Deckeln gefunden. Dort musst du dringend nacharbeiten und mit dem Falzbein das gewellte Papier andrücken - und dann beten, dass die Wellen sich beim Trocknen wieder zurückbilden. 

Wellendes Papier


Ein weiterer Effekt ist nicht direkt sichtbar, aber vielleicht hast du ihn schon erraten, als ich über den Falz am Bucheinband geredet habe - Vorsatz und Zusammenhängpapier sind wie der Überzug dort gegen die Fasern gebrochen. Das führt auch hier dazu, dass die Haltbarkeit verringert wird. Eine gefalzte Papierfaser wird brechen - die Frage ist nur wann. 

Und, bist du nun überzeugt, dass es sich lohnt bei den Materialien genau auf ihre Beschaffenheit zu achten und dein Buch mit einer Laufrichtung parallel zum Rücken zu arbeiten? 

Wenn du die Selberbuchbinden-Inspiration-Mails abonnierst, bekommst du nicht nur Bescheid, wenn ein neuer Betrag auf Selberbuchbinden erscheint, sondern auch gebündeltes Wissen über dieses alte Handwerk und ein bissl Klugscheißerei meinerseits.  

Moin, ich bin Franja

Ich bin buchverliebt seit Kindesbeinen und da fiel es mir nicht schwer mein Leben den Büchern zu widmen. 

Ich schreibe selber und binde Bücher, bis jetzt – weiter Buchkünste kommen bestimmt noch hinzu.


Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht allen Buchbegeisterten die Kunst und das Handwerk rund ums Buch zu zeigen und zu lehren.

Ich gebe Workshops und leite den Zirkel der Selberbuchbinder, einen Online-Kurs mit Livetreffen.

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7 Kommentare

  • Hi Franja,
    auch beim Ableimen des Buchrückens kann falsche Laufrichtung ein Problem sein. Die Feuchtigkeit des Leims dringt durch die Heftlöcher und macht inneren Bögen der Lage wellig, da diese sich senkrecht zum Rücken ausdehnen. Und rate mal, woher ich das weiß :-(. Das Papier ist SoporSet Premium Offset 120, und die Druckerei konnte die SRA3 Bögen nur in Schmalbahn bereitstellen. Ein Buchblock in Fadenheftung, Verleimung mit Planatol BB, ist damit praktisch nicht herstellbar. - Wäre da evtl. Hasenleim eine Lösung?

    Viele Grüße,
    Thomas

    PS: Dein Blog ist sehr interessant!
  • Moin Thomas,
    oh nein!
    Die falsche Laufrichtung ist bei der Leimung von Fadenheftungen viel seltener ein Problem. Da ist es eher das Falzen der Bögen, wo empfindliches Papier aufbrechen kann.
    Aber jedes Papier ist anders und reagiert damit auch anders auf die Verarbeitung. Schade, dass die Druckerei keine richtige Laufrichtung liefern konnte.
    Du kannst noch versuchen, den BB trocknen zu lassen, also nicht so, dass er schon fest ist, sondern eine deutlich festere Konsistenz hat, so wie Brei oder, wenn es dann immer noch nicht klappt, wie Knete. Mit dem Pinsel auftragen wird dann schwieriger, nimm am besten die Finger. Ich habe immer eine Dose mit Leimresten mit so einer Konsistenz. Dieser Leim hat dann schon deutlich weniger Wasseranteil und löst weniger Wellungen aus.
    Bei der Alternative liegst du richtig: Haut-, Knochen- und Hasenleime sind wasserlos, genau so wie Hotmelt-Klebstoffe. Damit machen sie wegen der Laufrichtung keine Probleme.

    Ich würde es aber trotzdem erst mit dem angedickten Planatol BB versuchen.

    Vielen Dank für das Lob, ich freue mich, wenn ich Interesse wecken kann. Deine Arbeit ist auch sehr schön.
    Sonnige Grüße
    Franja
  • Hallo Franja,

    Du hast geschrieben "Übrigens: Auch Stoff und Holz haben eine "Laufrichtung". Beim Stoff ist es die Webrichtung; wobei die "Laufrichtung" parallel zum Kettfaden ist, damit dieser nicht gebrochen wird. Bei Holz ist es die Wuchsrichtung. Die "Laufrichtung" ist parallel zur Maserung. "

    Ich tue mich total schwer bei Buchleinen die Laufrichtung zu bestimmen...
    Hast Du einen Tipp?

    Liebe Grüße Kiki
  • Moin kiki,
    das einfachste ist die Laufrichtung zu erkennen, wenn du noch eine Webkante hast. Die Laufrichtung ist dann parallel zu dieser. Manchmal ist die Webkante abschnitten, aber das Gewebe noch in Orginalbreite, also irgendwas um 100 cm.

    Wenn keine Webkante mehr da ist, wird es schwierig. Du kannst versuchen es beim Biegen zu fühlen oder ein kleines Stück anleimen und schauen, ob es sich rollt. Wie ich's hier bei Papier beschrieben habe: https://www.selberbuchbinden.de/blog/laufrichtung/ (Probe 1 oder 2).
    Wenn das auch nicht hilft, ist es nicht mehr möglich die Laufrichtung rauszufinden. Verwende das Gewebe dann einfach so wie du ein besseres Gefühl hast oder frag beim Händler nach, wie er es von der Gewebe-Rolle geschnitten hat.

  • Guten Morgen Franja,

    Danke für die Tipps!
    Letztes Mal hat es gut geklappt :)

    Liebe Grüße Kiki
  • Moin,
    mein Name Ist kay-Hauke Bock. Ich suche ein Buch indem die Faserlaufrichtung falsch ist.
    Ich bin in der Verpackungsindustrie tätig. In meiner Firma werde ich eine Präsentation über Verpackungen machen. Dazugehört aus die Faserlaufrichtung von Papier.
    Deswegen so ein Buch mit Falscher Faserlaufrichtung.

    Verkaufen Sie so ein selbstgemachtes Buch?
  • Hey Kay-Hauke,
    ich verkaufe keine Bücher, wende dich doch an eine Handwerks-Buchbinderei in deiner Nähe.
    Viel Erfolg für deine Präsentation und liebe Grüße

    Franja


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